Dr. Roland Scotti – Kurator und Geschäftsführer der Heinrich Gebert Kulturstiftung (Kunstmuseum Appenzell / Kunsthalle Ziegelhütte)

Text in der Publikation zur Ausstellung „Zahl, Rhythmus, Wandlung – Emma Kunz und Gegenwartskunst“ in der Kunsthalle Ziegelhütte vom 26. April – 25. Oktober 2020

Die Künstlerin Mirjam Beerli zeichnet seit den frühen 1990er Jahren vornehmlich mit Bleistift auf Papier, mal im kleinen Format, mal im grossen Format. Dabei vertraut sie vollkommen auf die einfachsten Mittel der Bildherstellung – neben Papier und Stift arbeitet sie mit selbst geschnittenen Zeichenschablonen oder, vor allem in den 1990er Jahren, mit Naturalien, bspw. Steinen, Hörnern, Knochen, Wurzeln usw., deren Umrisse ihr als Schablonen dienen. Ausgehend von zwei oder mehr imaginären, auf die Bildfläche gesetzten Ausgangs- und Zielpunkten, die ein Oben, ein Unten, ein Rechts, ein Links oder eine Mitte definieren können, entwickelt Beerli aus einer Vielzahl von Linien eine rhythmisierte Gestalt, die immer mehr als die Summe ihrer Teile ist. 

Methodisch geht sie von einer „Basis-Linienspur“ aus, was bedeutet, dass die Künstlerin durch Versatz oder Drehung die immer gleiche Schablonen- oder Dingkontur variiert. Im Arbeitsprozess, der für eine Zeichnung bis zu einem Tag dauern kann, entstehen dadurch augenscheinlich Muster wie Liniengeflechte, Linienbündel, selten Liniengitter. Die variierende Wiederholung gilt auch für den gesamten Werkprozess der Künstlerin, die eine ursprüngliche Form- oder Gestaltidee in Serien abwandelt und auf diese Art und Weise Formgruppen, lieber möchte ich „Gestalt-Familien“ sagen, erschafft. Diese könnte man durchaus in Analogie zu Naturformen in taxonomische Stufen einteilen – allerdings ohne dabei die ab- und ausgrenzenden, oft auch wertenden Kategorisierungen der tradierten biologischen Klassifikationsschemata zu reproduzieren.

In der Serie Zentriert, von der fünf Arbeiten abgebildet sind, formuliert die Künstlerin fast lebensgrosse Gegenüber. Diese Wesen – irgendetwas zwischen Pflanze, Qualle, Sternennebel – könnten Spiegelbilder sein, vielleicht auch Projektionen eines Selbst unter wissenschaftlichen, genauer mathematischen Parametern, die Physis, Psyche und Logos einbeziehen. Auf jeden Fall wirken die Zeichnungen auf die Betrachter unmittelbar somatisch. Die ursprüngliche Bewegung der Hand, die Schablone und Stift führt, erzeugt eine dynamische, fast tänzerische Lineatur – ein um eine wirbelnde Säule organisiertes energetisches Gewebe, das nicht nur pulsiert, sondern geradezu atmet. 

Dies unterscheidet Beerlis Zeichnungen von sterilen Computergrafiken, die zwar aufgrund einer technischen Perfektion faszinieren können – aber kaum je gegenwärtig sind und nie wie lebendige Organismen wirken: Der strategisch-intuitive „Imperfektionismus“, das trotz aller Systematik nie ganz Einheitliche, die kleinen Verschiebungen in den symmetrischen Modulen, die minimal unterschiedlichen Strichdichten und vieles mehr, bedingen die Parallelen zwischen den Zeichnungen und Wachstums- und Formungsprozessen in der Natur, in der kein Stein wie der andere, kein Blatt wie das andere, keine Katze wie die andere und kein Mensch wie ein anderer erscheint. Im Grunde erschafft Mirjam Beerli individualisierte Identitäten. Die Betrachter begegnen in den verschiedenen Werkgruppen zwar Populationen, deren herausstechendes Merkmal jedoch die Ganzheit aus der Vielfalt ist. Damit reflektiert das gesamte Werk Beerlis nicht nur die Mechanismen der Evolution, es erzeugt darüber hinaus eine plausible Wirklichkeit, in der Ähnlichkeit und Verwandtschaft als Ergebnisse eines unendlichen Formenspiels zu deuten sind.

* 1957 in Basel, lebt in Feldbach.