Zur Kunst von Mirjam Beerli

Rede von Michael Hampe, Professor für Philosophie an der ETH Zürich.

Gehalten am 26. Juni 2018 im Böcklin Atelier in Zürich.

Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, auch um die Werke von Mirjam Beerli genauer anzuschauen; die Pantoffeltierengel hinter mir die Walfischströmungen dort gegenüber und die Schmetterlingsblätter dort in der Reihe. Ich kann mich zu diesen Werken nicht als Kunstkenner äussern. Aber sowohl die Künstlerin wie ich haben ein Interesse an den Gestalten der Natur, an ihren Musterbildungen, wie sie entstehen, welchen Prinzipien sie folgen. Wie sind die Gestalten, die wir hier sehen, entstanden? Wohl fast alle Werke der bildenden Kunst entstehen durch immer wieder wiederholte kleine Handlungen. Denken sie an die beinahe unendlich vielen kleinen Meisselschläge, die für die Erzeugung einer Plastik aus Stein nötig sind, die vielen kleinen Pinselstriche eines in Lasurtechnik erzeugten Gemäldes oder die vielen kleinen Striche, aus denen sich eine in Schraffurtechnik angefertigten Zeichnung zusammensetzt. Auch Mirjam Beerlis Kunst ist das Resultat von Wiederholungen, von Iterationen. Aber ihre Striche sind keine Schraffur, sie decken nichts ab. Und es sind nicht einfach wiederholt gesetzte Striche, die ihre Zeichnungen ausmachen. Sondern diese Striche sind entlang einer Schablone gezogen. Die Schablone wird von ihr Stück für Stück in einem intuitiv sich einstellendem Rhythmus und Abstand weiterbewegt. Und die Iteration des künstlerischen Handelns bleibt im Werk sichtbar, ja sie macht es erst aus. Denn aus ihr bildet sich auf eigentümliche Weise der räumliche Effekt dieser Zeichnungen.

Man kann Mirjam Beerli beim Zeichnen nicht nur zuschauen, sondern auch zuhören. Man hört wie der Stift an ein Horn, eine Wurzel, eine von ihr selbst hergestellte Schablone oder eine Steinkante schlägt und an ihr entlanggleitet, wieder und wieder, so wie man auch einem Bildhauer zuhören kann, nur leiser. Schaut man sich die Schablonen, die sie für ihre Technik aus der Natur nimmt, genauer an, so sieht man in ihnen ebenfalls Wiederholungen, Iterationen. Denn vieles in der Natur entsteht durch Wiederholungen. Iteration und Variation sind Prinzipien der Entstehung von natürlichen Gestalten. Denken sie nur an die Genetik, an die Iteration und Variation in den vier Basen Adenin, Cytosin, Guannin und Thymin in den immer neuen Tripletts der DNS, die in ihrem Zusammenspiel mit der Umwelt zu den organischen Gestalten führen, ein Zusammenspiel, das von dem Biologen Hubert Markl einmal mit der Wiederholung und Variation eines Themas durch eine Jazzband verglichen worden ist. Die Wachstumsschichten und Jahreshöcker auf dem Horn einer Geiss, die Ablagerungsschichten in einem Sedimentgestein, die an seiner Kante fast so wie die Wachstumsringe in einem Baumschnitt sichtbar sein können oder die aus Kern, Splint, Kamblum, Bast und Borke aufgebauten Schichtungen des Holzes eines Astes. Die Gestalten, die in Beerlis Kunst durch die Kombination der wiederholten Versetzung der Schablone und des wiederholten Entlanggleitens an ihrer Kante entstehen, wirken wie Übersetzungen natürlicher Iterationen. Die Verwendung von selbst hergestellten Schablonen, die an natürliche Gestalten, an die Schwünge von Geweihen oder Steinkanten erinnern, bringen eine weitere Verbindung ans Licht: die zwischen dem Mathematischen und dem Natürlichen. Die geometrischen Linien und Kurven sind Idealisierungen der Natur. Und mit den Idealisierungen der Mathematik lassen sich, wie wir seit dem 16. Jahrhundert wissen, natürliche Prozesse auf eine wundersame Weise erklären. Das Mathematische und das Natürliche, auch das organisch Natürliche sind einander nicht fremd, sondern verwandt. Es ist deshalb kein Zufall, dass manche Beerlis Zeichnungen an Computergrafiken erinnern, die die Maschine durch Anwendung eines Algorithmus erzeugt. Die synthetische Biologie simuliert inzwischen die Entstehungsprozesse von Organismen ebenfalls sehr erfolgreich durch die Anwendung von sich teilweise selbst variierenden Algorithmen. Längst ist das Mathematische in den Algorithmen der Informatik, die sich entwickeln und variieren selbst organisch unvorhersehbar geworden. Wiederholung und Variation sind Prinzipien der organischen Natur, der Musik und der Mathematik gleichermassen. Beerlis Zeichnungen entstehen nach ähnlichen Prinzipien wie organische Gestalten. Und umgekehrt sprechen ja auch die Naturkundler von der Zeichnung eines Gefieders, eines Fells oder einer Baumrinde. Und auch diese natürlichen Schraffuren bestehen aus Iterationen. Immer entsteht der Reiz natürlicher wie der künstlicher Muster dieser Art aus der Kombination von Iteration und Variation, aus erwartbarer Wiederholung und unerwarteter Neuerung. In allen Zebra- und Tigerfellen, an allen Eichenrinden und Häherfedern zeigt sich eine charakteristische Zeichnung. Doch keine zwei Zebras, Eichen oder Häherfedern sind bekanntlich identisch. Vielmehr variieren sie auf eine für das Individuum charakteristische Weise die Wiederholungen des arttypischen Musters. Was für die Linien unserer menschlichen Fingerabdrücke gilt, gilt für alle natürlichen Zeichnungen. Mirjam Beerlis Zeichnungen sind ebenso individualistisch. Sie sind von einem Menschen nicht reproduzierbar. Denn ein zweites Mal wird sich der Rhythmus und Abstand aus der weiterrückenden Schablone und die Härte oder Weichheit, Schnelligkeit oder Langsamkeit der Stiftbewegung an der Schablone nicht wiederholen lassen. Diese Bewegungen sind nirgends kodiert, sie entwickeln sich. Auch sind die räumlichen Effekte, die sich in diesen Mustern einstellten, nicht bis ins Detail planbar, sondern überraschen die Künstlerin oft genug selbst. Ihre Kunst scheint ein aleatorisches Element zu haben wie auch einen Wachstumsaspekt. Auch das Wachstum von organischem Gewebe, seien es Pflanzenknospen oder die Knospen von Extremitäten in einem animalischen Fötus verlaufen in pulsierenden Schüben, in denen sich langsam die Struktur herausarbeitet.

Seit Kant in seiner «Kritik der Urteilskraft» 1789 das künstlerische Genie als einen «Günstling der Natur» bezeichnete, in dem sich die Natur selbst neue Regeln gibt, wird das Naturschöne und Kunstschöne in der ästhetischen Theorie eng geführt. In Beerlis Kunst scheint das Naturschöne eines Geweihs, einer Wurzel, eine Schote, eines Steines, oder die Linienführung einer von ihr selbst hergestellten Schablone in das Kunstschöne einer bewegten Linienspur übersetzt zu werden. Dabei wird vielerlei vermittelt, nicht nur das als Schablone verwendete Naturobjekt mit der künstlerischen Technik. Die Bilder, die wir hier sehen, die Pantoffeltierengel hinter mir, die grossen bunten Walfischströmungen an der Wand dort gegenüber und das fiktive Herbstlaub der Schmetterlingsblätter mit seinem Queradern dort in den kleinen Bildern sind aber nicht mit natürlichen Schablonen, sondern mit von der Künstlerin selbst hergestellten, erzeugt. Nur in diesen künstlichen Schablonen sind wirklich geschlossene Rundformen gegeben, die es ermöglichen, diese Gestalten zu erzeugen. Doch gerade dadurch wirken sie wie nie gesehene Naturgebilde. Es sind keine Pantoffeltiere, keine Grauwale, keine Schmetterlinge, kein Herbstlaub auf diesen Bildern zu sehen, sondern künstliche Gestalten, die einen an diese natürlichen Gestalten erinnern können, die, wie Kant sagte, ein freies Spiel der Erkenntniskräfte, man könnte auch sagen einen Assoziationsprozess in Gang setzen, bei dem unsere Einbildungskraft eine Suchbewegung vollführt, einzuordnen versucht, aber doch keine Einordnung findet. Das macht diese Gestalten, wenn man sich in sie versenkt, geheimnisvoll, nicht auszuschauen, wie Mirjam Beerli selbst sagt. Das gilt im Übrigen auch für die natürlichen Gestalten: wer sich in einen Einzeller, einen Wal oder ein Blatt versenkt, findet immer neues an ihnen. Alle natürlichen Wesen sind noch etwas anderes als die Realisierung des sich wiederholenden Gattungscharakters. Denn sie variieren ihn auf unwiederholbare Weise. 

Gerhard Richter sagte einmal über seine abstrakten Bilder, er wolle Landschaften malen, aber solche, die noch niemand gesehen hat. Mirjam Beerli, so könnte man sagen, erschafft natürliche organische Gestalten, aber solche die noch niemand gesehen hat, Fiktionen der Natur. Aber ist die Natur nicht selbst auch in ihrer Kreativität fiktional? Vielleicht setzt sich in der Art von Kreativität, die aus technischem Können, Absicht, Absichtslosigkeit und Zufall gemischt ist, in der Künstlerin die natürliche fiktionale Kreativität fort. Vielleicht ist das der Grund, warum diese Gestalten eine eigenartige Selbständigkeit und Ruhe, aber auch Zartheit und Verletzbarkeit ausstrahlen, wie die Pflanzen und Tiere um uns herum, die wir nicht gemacht haben.